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Vorgeführt & deklassiert. SCM unterliegt zu Hause gegen Melsungen mit 19:29

Thomas Knorr sah in seinem 500 BL-Spiel kenen Stich. Thomas Knorr sah in seinem 500 BL-Spiel kenen Stich. Thomas Nawrath

Sein 500. Bundesligaspiel dürfte sich Handball-Oldie Thomas Knorr sicher anders vorgestellt haben: Gab es vor den Spiel noch Blumen und freundlichen Applaus, schlichen er und die anderen Grün-Roten nach dem Spiel wie begossene Pudel aus der Halle. Die MT Melsungen mit Shooter Michael Allendorf (10 Tore) und dem glänzend aufgelegten Mikael Appelgren im Tor (20 Paraden!) hatte den SC Magdeburg in eigener Halle mit 19:29 (Halbzeit 9:14) deklassiert. Statt des erwarteten Kampfes auf Augenhöhe - bei dem die Unterstützung der Magdeburger Fans den Vorteil für die Gastgeber ausmachen sollten -, verließen etliche der mehr als 5100 zahlenden Zuschauer bereits 15 Minuten vor Schluss die GETEC-Arena enttäuscht. Wann hat es zuletzt in Magdeburg Pfui-Rufe (ob der mangelnden kämpferischen Haltung), Pfiffe gegen das eigene Team und "Carstens raus"-Rufe von den Rängen gegeben? Konsternierte Blicke beim SCM-Anhang, hängende Köpfe bei den Spielern.

Nach dieser Vorführung durch einen gar nicht übermächtig auftrumpfenden Gegner bemühte sich mancher SCM-Fan, die Schuld vor allem in den häufig strittigen (bisweilen sogar sehr einseitigen) Regelauslegungen des Schiedsrichtergespanns zu suchen. Doch das wäre nicht redlich. 20 zu 11 Torwartparaden, dazu zahlreiche verworfene Bälle (Holz oder vorbei) und ein deutliches Ungleichgewicht im Abwehrverhalten beider Teams brachten allein schon die Gäste auf die Siegerstraße.

War der SCM noch hellwach und spritzig in die Partie gegangen - Robert Weber eroberte den Ball und verwandelte zum 1:0 - diktierten ab da die Gäste aus Hessen das Spiel. Beim 3:3 durch Stefan Kneer nach 9 Minuten schien noch alles in Ordnung. Doch selbst in Unterzahl spielten Melsungen auf und lag nach 12 Minuten erstmals mit 3 Toren in Front (3:6). Der SCM-Angriff wirkte fahrig und unkonzentriert, Appelgren im Gäste-Tor wurde mit teilweise unplatzierten Bällen regelrecht warm geworfen. Doch Dank zweier Paraden von Dario Quenstedt, Glück (als Sellin einen langen Ball nicht mehr erreichte) und eines gehaltenen 7-Meters (Quenstedt gegen Sellin in der 18. Minute) kamen die Hausherren noch einmal in Schlagdistanz. Fabian van Oplhen, Max Janke und noch einmal der Kapitän glichen zum 7:7 nach 19 Minuten aus. Doch statt der erhofften Wende im Spiel zog nun der Gast wieder an: 7-Meter-Tor durch Allendorf, ein weiterer Treffer von Sellin und erneut Allendorf vom Punkt brachten das 7:10 in der 22. Minute. In der Folge vermochten unsere Grün-Roten nur noch gelegentlich ihre Würfe im Melsunger Tor zu platzieren. Hingegen wusste der Gast auch die Überzahlsituation (2 Minuten gegen Marco Oneto in der 26. Minute) zu nutzen. Gerade in dieser Phase des Spiels gab es manch irritierende Entscheidung der Schiedsrichter. Doch als zudem ein SCM-Treffer in der Pausensirene nicht gewertet wurde, gab es lautstäarke Proteste und Pfiffe von den Rängen. Mit 9:14 gingen die Teams in die Kabinen.

Wer erwartet hatte, dass die Hausherren in der zweiten Halbzeit mit mehr Präsenz und Konzentration auftreten würden, sah sich bereits bei den ersten Angriffen enttäuscht. Doch auch die Gäste präsentierten nun ein zerfahrenes Spiel, so dass Coach Michael Roth in der 35. Minute eine Auszeit nahm. Danach war es sein Team, was den ersten Treffer in der zweiten Spielhälfte einnetzte. Erst als kurzzeitig Appelgren am Spielfeldrand ärztlich versorgt werden musste (und durch Per Sanström im Tor vertreten wurde), gelang auch dem SCM durch Jure Natek wieder ein Tor (10:15). Doch in der Folge liefen sich die Grün-Roten immer wieder in der Angriffsmitte fest, brachen ihre Wurfversuche ab, trafen nur den Pfosten oder den gegnerischen Torhüter. Als Oneto zum zweiten Mal auf die Strafbank geschickt wurde, Natek verwarf und Allendorf im Gegenzug mit einem sehenswerten Heber zum 11:18 traf gab es erstmals Pfiffe gegen den SCM. Für Frank Carstens das Signal, die Grüne Karte auf den Kampfrichtertisch zu legen.

Doch es waren wieder die Gäste, die zulegen konnten, während der SCM auch mit den eingewechselten Tim Hornke und Jubilar Thomas Knorr kaum Akzente zu setzen vermochte. So stellte Allendorf - erneut per 7-Meter - zum 12:20 nach 42 Minuten. Während die nächsten Fehlwürfe des SCM mit vereinzelten Buh-Rufen bedacht wurden, stimmten die Fans auf der Osttribüne noch einmal den Schlachtruf "Kämpfen und siegen!" an - doch der Angriff unserer Grün-Roten wirkte zusehens ratlos und so erstarben auch bald die Fangesänge. 15 Minuten vor Spielende verließen die ersten Zuschauer kopfschüttelnd die Halle. Ein Funken Hoffnung kam noch einmal auf, als Melsungen etwas nachließ und die Hausherern durch Tore von Janke, van Olphen und Kneer auf 15:22 verkürzten. Da die Abwehr-Torhüter-Abstimmung beim SCM weiterhin eklatante Schwächen offenbarte, brachte der Coach 9 Minuten vor Schluss Gerrie Eijlers, der sich auch gleich mit guten Paraden einführte. Endlich wurden vorn auch stärker die Außen gesucht - doch nun schwächelten auch Matze Musche und Tim Hornke. Als Rechtsaußen Hornke 5 Minuten vor Schluss zum 19:25 einnetzte, war dies der letzte Treffer der Hausherren im Spiel. Per 7-Meter, Konter und aus dem Positionsspiel bauten die Allendorf & Müller ihren Vorsprung noch auf 19:29 aus, während die Grün-Roten allein in dieser Phase 3 Mal am MT-Keeper scheiterten.

Dem SCM und seinen Fans bleibt nur zu wünschen, dass mit der demnächst erwarteten Rückkehr einiger seiner Verletzten und der anderthalbwöchigen Spielpause ein Neustart des Teams gelingen kann. Zu oft wurde in den letzten Wochen ein Spiel hergeschenkt - sei es nach teilweise deutlichen Führungen, wie in Hannover und gegen Wetzlar, oder auf Grund spielerischer und kämpferischer Schwächen, wie gegen Berlin, Lemgo und nun gegen Melsungen. Das muss dringend abgeschaltet werden, will man nicht Gefahr laufen, vom dicht gedrängten Mittelfeld der Liga in die gar nicht mehr so ferne Abstiegsregion abgedrängt zu werden. Von der immer wieder mal lancierten Zielstellung "europäischer Wettbewerb" ist das Team von Trainer Frank Carstens und Manager Marc Schmedt jedoch aktuell Lichtjahre entfernt. Auch sollte man bei den Verantwortlichen die Unmutsäußerungen von den Rängen ernst nehmen, will man nicht den engen Zusammenhalt zwischen Fans und Team aufs Spiel setzen. Denn bleiben die zahlenden Zuschauer weg, dann werden auch alle Sanierungserfolge der Nach-Hildebrand-Ära in Frage gestellt - einschließlich des Rückhalts der regionalen Wirtschaft (Sponsoren!). Und das sollte sich wirklich niemand wünschen, der sich dem Handball in Grün-Rot verschrieben hat!

 

Thomas Nawrath

 

  • Ingo

    Kommentar-Link Mittwoch, 20. November 2013 12:45

    Sehr schöner Beitrag, Thomas.

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